Mehr Bewegung in die Schule - Anregungen für eine Bewegte Schulkultur

 

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Sozusagen Dienst am Geiste (Siegfried Lenz)

Sehr unangenehm ist es, wenn eine Inspektion droht; noch unangenehmer, Herrschaften, aber ist es, wenn man nicht weiß, zu welcher Stunde so eine Inspektion eintrifft. Diese Erfahrung mußte machen der Lehrer von Suleyken, ein gütiger Mensch namens Eugen Boll, der vierzig Jahre hingegeben hatte im Dienste am Geist. Hatte zwar gehört, daß der Horizont nicht ganz rein war, unser Eugen Boll, aber gewußt, welchen Tags die Inspektion erscheinen sollte, das hatte er nicht.

Demzufolge hatte er ausströmen lassen das Volk der Schüler zu seinem Stall und Düngerhaufen, gab ihnen Forken in die Hand, Schaufeln und Besen, und ließ sie lernen das Kapitelchen Geographie. Und nachdem der Düngerhaufen erhöht, frisches Stroh gestreut worden war, ließ er die Wißbegierigen hinabschwärmen zum Flüßchen, wo er, unter Uferweiden verborgen, seine Aalreusen ausgelegt hatte. Dies fiel unter das Kapitelchen Mathematik; denn wir, die Schüler, hatten auseinanderzuhalten die großen Aale und die kleinen, mußten die schlängelnden Haufen dividieren, mußten abzählen, wie viele auf eine Reuse kamen, lernten bei dieser Gelegenheit Greifen und Zupacken, was auch, wie Eugen Boll erklärte, alles von Wichtigkeit ist für die Mathematik. Sodann ließ uns dieser gütige Mensch hinüberwechseln zu den Feldern, wo wir, in langer Kette auseinandergezogen, die Steine absammelten von seinem Kartoffelacker, was unter das Kapitelchen fiel: die Kunde von der Heimat.

Nun gut. Als das zarte Volk das Heu gewendet, einen Kiesweg ausgebessert und zwei Stapel Holz gesägt und gehackt hatte, beschloß Eugen Boll, sein Latrinchen vertiefen zu lassen - mit der Absicht, den Schülern zu verschaffen einen kritischen Blick in die Natur. Ließ auch gleich drei oder vier Bürschchen mit Seilwinde in eine entsprechende Grube hinab, gab Anweisung, reichte Werkzeug und was gebraucht wurde hinterher und beaufsichtigte die Wissenschaft von der Natur.

So, und in diesem Augenblick will es die Erzählung, daß herangerollt kommt in seiner leichten Kutsche der Oberrektor  Christoph Ratz samt einem dünnen, bebrillten Weibchen, welches zu seiner Begleitung gehört. Sie rollen heran zu dem Zwecke einer Inspektion, fahren unbemerkt zum Schulhäuschen, durchstöbern dasselbe, und da sie nichts finden, begeben sie sich hinaus, lauschen und halten verblüfft Ausschau. Kann man es sich vorstellen?

Gut. Gesehen wurde die Inspektion zuerst von dem vierten Sohn meines Vaters, von mir selbst. Wiewohl unfertig in der Ausbildung des Geistes, begriff ich, was sich anbahnte, faßte mir ein Herz und ging hinüber zu meinem Lehrer Eugen Boll. Ich verbeugte mich vor ihm und sprach: „Es ist, Herrchen“, so sprach ich, „angekommen ein Paar, welches steht und herüberglubscht. Ich weiß nicht, was soll das bedeuten?“

Eugen Boll warf einen schnellen Blick in die bezeichnete Richtung, umarmte mich kurz und heftig und brach aus: „Es bedeutet“, so brach er aus, „Fürchterliches.“ Und damit riß er den zarten Geschöpfen fort, was er ihnen in die Hände gegeben hatte, jagte sie auf einen Haufen zusammen, zog sich, daß Lehrerchen, seine Jacke an und begann, fröhlich wie noch nie, zu dirigieren. Worauf wir Knaben zu singen anfingen, emsig, und mit klopfenden Pulsen.

Na, der Rektor Ratz und das dünne Weibchen kamen über den Hof heran, blickten mißtrauisch, die beiden, und strichen ein paarmal um uns herum, bevor überhaupt gewechselt wurde geziemende Worte der Begrüßung. Dann war das Liedchen zu Ende, und bevor Eugen Boll weiterdirigieren konnte - er wollte es sofort -, fiel ihm der Oberrektor in den Arm, schüttelte den Kopf und dachte nach. Und nachdem er das hinter sich hatte, sprach er mit einer dunklen, üppigen Stimme: „Für wen“, sprach er, „und aus welchem Grund wird gesungen das Liedchen!“

„Es ist“, sagte Eugen Boll, „ein Liedchen zur Begrüßung. Sagen wir mal, zur Begrüßung des Frühlings.“ Der Ratz, er hob plötzlich die Nase, schnupperte, stellte sich, dieser Mensch, auf die Fußspitzen und sog die Luft ein, und auf einmal kam er, beroch uns Knaben und sprach: „Die Zöglinge“, sprach er, „sie stinken.“ Und nach einem erklärenden Blick zu dem Latrinchen: „Wenn man schon, Lehrer Boll, den Frühling begrüßen will mit einem Liedchen im Grünen - warum denn, wenn ich fragen darf, muß das stattfinden neben dem Latrinchen! Warum nicht, wie es ziemlicher wäre, in Gottes schöner Flur!“

„Die Knaben“, sprach darauf unser Eugen Boll, „sie sind müde vom Dienste am Geist. Und außerdem haben sie sich, wenn es erlaubt ist, sozusagen, an die Umstände gewöhnt. Wo man sie auch hinstellt, sie singen und begrüßen den Frühling.“ „Aber trotzdem, Lehrer Boll, sollte man nicht suchen die Nähe des Stunks. Denn die Zöglinge, Ehrenwort, könnten Schaden nehmen dabei.“

In diesem Augenblick erhob sich - und es kam direkt aus der Erde - eindringliches Gebrüll. Dies Gebrüll, es stammte von den Bürschchen, die man mit der Seilwinde in die Grube hin abgelassen und, in den ersten flattrigen Sekunden, rein vergessen hatte. Sie brüllten so herzzerreißend, daß der Oberrektor und das Weibchen wie erstarrt dastanden und nicht wußten, wie sie sich verhalten sollten. Aber nur ein Weilchen. Denn schon im nächsten Moment schoß Ratz auf den Eugen Boll zu und fragte: „Wer“, fragte er, „ruft da aus seinen Grab?“ Worauf unser Lehrerchen sagte: „Mich deucht, es ist jemand hinabgefallen. So gesehen, empfiehlt es sich vielleicht zu suchen.“ Gerade wollte er uns ausschwärmen lassen, als die Inspektion die Grube mit den brüllenden Knaben auch schon entdeckt hatte. „Was ist“, rief Ratz, „das für ein Zustand. Ich sehe diverse Zöglinge in Not. Warum, bitte schön, stochern sie in dem Latrinchen herum?“

Eugen Boll, unser Lehrer, hob traurig die Schultern und sprach: „Möglicherweise, Herr Oberrektor, ist einem hinein gefallen die Hose.“

„Aber solch eine Hose“, ließ sich das verstörte Weibchen vernehmen, „wird doch nicht mehr sein zu gebrauchen.“

„Die Hose wie die Hose“, sagte Boll. „Aber vielleicht befindet sich in ihr, sagen wir mal, ein Betrag von zehn Pfennig. Ganz zu schweigen von einer Birne, die drin sein könnte, oder von einem rotwangigen Äpfelchen. Die Zöglinge, sie werden schon haben ihren Grund. Ich kenne sie sämtlich.“

„Man helfe ihnen“, sagte das Weibchen, „herauf.“

Na, jetzt wurden die Knaben mittels der Seilwinde befreit und da sie einen ziemlich benommenen Eindruck machten,  verzichtete Ratz einstweilen auf die Befragung. Ließ, statt dessen, die Knaben zurückmarschieren in das Schulhäuschen um mit ihnen das vorzunehmen, was man nennt eine Prüfung.

Diese Prüfungen, sie standen ohnehin vor der Tür, und um sich zu orientieren über den Stand des Suleyker Geistes, fragte dieser Ratz gleich los in entsprechendem Sinne.

Fragte also zum Beispiel meinen Nachbarn, einen dicken, verschüchterten Knaben: „Sage mir, Heinrich Klumbies, wer hat gewonnen und wann die unvergeßliche Schlacht von Striegeldorf?“ Was den Heinrich Klumbies nach einigen Minuten des Nachdenkens zu sagen bewog: „Herrchen, mich kitzelt einer von hinten, so daß ich vergessen hab' Nam' und Jahr. Aber in Striegeldorf wohnt mein Onkel. Er zieht dort Bienen.“

Der Ratz ging darauf an den Knaben Klumbies heran, so daß diesen niemand mehr kitzeln konnte, und sprach: „Heinrich Klumbies“, sprach er, „wenn nun die Prüfung kommt, was wirst du machen in nämlicher Prüfung, damit du bestehst?“

„Mein Vater“, sagte der Knabe, »hat schon zum Räuchern gegeben den Schinken für die Prüfung. Er wird ihn aushändigen dem Herrn Lehrer zur rechten Zeit.“

Eugen Boll, als er solches hörte, zog gleich seinen Schuh aus,  um den Knaben Klumbies damit zu werfen; er unterließ es nur, weil diesem, zu jedermanns Überraschung, die Tränen herausstürzten. Er schluchzte so bewegt, daß das bebrillte Weibchen zu ihm kam, ihn streichelte und sanft fragte: „Warum, Heinrich Klumbies, drängt es dich so zu schluchzen?“

„Es ist“, sagte dieser, „wegen meines Onkelchens. Dieses Jahr wird er keinen Honig schicken. Sonst, Madamchen, hat er immer Honig geschickt.“

Das bebrillte Weibchen, es hatte Mühe, den Knaben Klumbies zu trösten, aber schließlich gelang es ihm doch, und der Oberrektor schob sich vor ihn und schickte sich an, weiter zu fragen. Wandte sich diesmal an meinen Vordermann und fragte unerbittlich drauflos: „Sage mir, Titus Anatol Plock, wo und zu welcher Bedingung ein Herrchen ins Wasser springt, um zu tauchen nach einem Ring? Und füge hinzu den vollen Familiennamen des Dichters.“

Titus Anatol Plock erhob sich, schluckte irgend etwas runter, das er gerade gekaut hatte, krümmte die nackten Zehen, schob sie über den Fußboden und dachte nach. Und nach einem Viertelstündchen sagte er mit aufleuchtender Miene: „Herrchen“, sagte er, »mein Nebenmann läßt Luft, und außerdem habe ich mir eingezogen einen Splitter im Zeh. Es kommt schon Blut, und darum kann ich nicht richtig nachdenken.“

Sofort rannte das Weibchen von der Inspektion auf den Knaben zu, legte ihn auf die Bank, besah sich den Splitter und zog ihn, nach langwierigen Vorbereitungen, wieder heraus. Titus Anatol Plock setzte sich danach auf sein Bänkchen, wimmerte dünn vor sich hin und hatte damit beantwortet die Frage.

Wer jetzt glaubt, daß alles zu Ende war, kann nicht ermessen die bodenlose Geduld des Oberrektors Ratz. Er hob seinen Zeigefinger, zielte auf die Knaben und drückte, wenn man so sagen darf, ab auf den Zögling Joseph Jendritzki. Dies war ein schiefgewachsener, rothaariger Knabe mit selbstgenügsamem Gesichtsausdruck, der eine große, blaue Milchkanne neben seiner Bank stehen hatte. Und zu ihm sprach die Inspektion folgendermaßen: „Sage mir, Knabe Joseph Jendritzki, einiges über Gottes schöne Welt. Erkläre mir beispielsweise, was du weißt und hast gehört über die Wölkchen - woher sie kom­men, wohin sie eilen, und was sie mitunter machen. Denk' und sprich.“

Joseph Jendritzki, ein gewandtes Geschöpf, plierte gleich zum Fenster' raus, nahm in Augenschein Himmel und Wölkchen. Und dann ging er an das Fenster heran, öffnete es, stieg auf das Sims und·plierte weiter. Und als ihm auch das nicht zu ausreichender Ant­wort zu verhelfen schien, sprang er ins Freie, kletterte auf einen Kastanienbaum und besah sich in aller Ruhe und Hingegebenheit die Wölkchen. Zum Schluß pflückte er sich noch einige Kastanien und kam dann freudestrahlend zurück. Der Oberrektor lächelte ihm zu, das Weibchen lächelte ihm zu, und auch Eugen Boll in einer Ecke blickte ihn erwartungsvoll lächelnd und voller Stolz an, als er wieder zu seinem Bänkchen ging.

„Also“, sprach Ratz, „sage du mir, was ich wissen will.“

Joseph Jendritzki schaute nach unten, seine Blicke glitten über den Boden und über die große, blaue Milchkanne, und plötzlich rief er: „Herrchen“, rief er, „man hat mir vollgestrullt meine Milchkanne. Das muß gewesen sein, als ich saß auf dem Baum zum Zwecke der Beobachtung.“

Ein Tumult entstand, ein Forschen und Fragen erhob sich, und es wäre mancherlei erfolgt, wenn jener Oberrektor Ratz nicht unvermutet gesagt hätte: „Ich bitte mich zu entschuldigen für ein knappes Minütchen. Ich bin gleich wieder zurück.“ Und damit ging er hinaus.

Ging hinaus und wollte, während man ergeben auf ihn wartete, überhaupt nicht mehr wiederkommen. Na, als dann ferne Hilferufe erklangen, ging der Lehrer Eugen Boll hinaus und fand den Oberrektor eingeschlossen im Latrinchen. Der Lehrer  entschuldigte sich ziemlich ausschweifend und sprach: „Es muß liegen an jenem neuen Riegel. Weil er ein wenig klemmt, muß man das Türchen etwas anheben. Vielleicht darf ich es zur Erklärung zeigen.“

Worauf beide Herren noch einmal hineintraten, und Eugen Boll den Riegel vorschob aus Gründen des Versuchs. Ganz recht: der Riegel klemmte auch diesmal, klemmte so gut, daß das Türchen nicht aufspringen wollte, auch als man es anhob. Sie klopften, hoben und stießen, trommelten sogar mit den Fäusten - nichts gab nach. So nahmen die Herren Platz und bedachten, was auch halbwegs zutraf: nämlich ihr finsteres Los. Bedachten es, so ungefähr, bis zum Abend, plauderten über dies und das, und wurden endlich befreit von dem bebrillten Weibchen, das verängstigt auf rasche Abreise drang.

Zu meiner Zeit ist dann keine Inspektion mehr gekommen, und wir lebten wie ehedem und ließen uns berauschen vom Dienst am Geist.

Quelle: Siegfried Lenz: Sozusagen Dienst am Geiste, in: So zärtlich war Suleyken, Fischer-Taschen-Buch-Verlag: Frankfurt 1975, 78-84

 

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