Mehr Bewegung in die Schule - Anregungen für eine Bewegte Schulkultur

 

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Der kleine Matz (Horst W. Ehni)

Und schon wieder der Traum vom Fliegen. Das konkrete Träumen von Drachenfliegern und Gleitseglern, vermischt mit dem phantastischen Träumen des Fluges auf fliegenden Teppichen mit Umhängen und Propellern. Träume aus den Geschichten von Tausend und einer Nacht, vom kleinen Vampir und Karlson auf dem Dach. So wie die kleinen Helden aus den phantastischen Geschichten oder wie die Drachenflieger, die er im Urlaub erlebt hat, möchte er auch fliegen können. Es ist ein guter Tagtraum, der sich über den schlechten Nachttraum legt. Bisher konnte er den bösen Verfolgern entkommen. Er hat einfach die Arme ausgebreitet und schon flog er ihnen über alle Hindernisse hinweg davon - war frei und gerettet. Doch diesmal versagte sein wunderbares Können. Die Erdenschwere hielt ihn fest. Die Beine waren wie gelähmt und er kam, trotz aller verzweifelter Anstrengungen nicht von der Stelle. Es war entsetzlich schlimm. Gerettet hat ihn diesmal die sanfte Stimme der Mutter: «Matz - es ist Zeit zum Aufstehen!»

Nun sitzt er beim Frühstückstisch, ißt, träumt und hört die sich widersprechenden Ermahnungen der Eltern: Er soll nicht einschlafen, soll wenigstens beim Essen stillsitzen, soll sich beeilen ... Dabei denkt er - träumend noch von der schweren Nacht gelähmt und wachend schon vom jungen Morgen erregt - an den langen Tag in der Schule. Auch dort muß er meistens äußerlich stillsitzen und innerlich doch ganz bei der Sache sein. Wo er doch lieber zu den Sachen hingehen, sie anfassen, beobachten, erkunden möchte. Wo er doch lieber fliegen und laut vor Freude dazu schreien möchte oder wenigstens herumtoben und lachen oder wenigstens herumlaufen und sprechen oder wenigstens so sitzen wie er es will, bei wem er es will und wo er es will oder wenigstens sitzend denken und träumen, was es eben denkt und träumt.

Bei seinen Gedanken an den vor ihm liegenden Schulalltag fühlt er sich herausgeschreckt durch die Stimme seiner Lehrerin: «Matz, setz dich gerade hin! Wo waren wir eben?» Doch er sitzt nicht auf der Schulbank, sondern noch immer am Frühstückstisch. Er sitzt, ißt, träumt und wartet zugleich unruhig, bis er endlich aufstehen und zur Schule gehen darf.

Er geht ihn gerne diesen langen Weg zur Schule, zusammen mit den sich dazugesellenden Freunden. Und er geht auch nicht ungern zur Schule, wenn da nur nicht dieses ewige Stillsitzen wäre.

Auch nach der Schule geht das so weiter: beim Mittagessen, beim Schulaufgabenmachen, beim Flötenspielen. Nicht einmal seine Schularbeiten darf er machen wie, wo und wann er will. Er Iiest gern im Liegen auf der warmen Heizung, schreibt gern im Knien auf dem Fußboden, läuft gerne herum und möchte zwischendurch mal spielen oder etwas anderes tun. Aber er soll es im Sitzen, an seinem Schreibtisch und an einem Stück machen, ohne sich ablenken zu lassen. Und er soll es jetzt machen. Jetzt, wo soviel Bewegungslust in ihm ist und draußen so viele andere Möglichkeiten zum Spielen warten. «Nein Matz! Erst komrnt die Arbeit und dann das Spiel.»

Er kennt diesen Satz zur Genüge, ist immer wieder dagegen angelaufen und abgeprallt an dieser Obermoral mit den dazugehörigen Appellen, die ihn überall umstellen und die immer zwingender werden. Besonders seit zwei Jahren - seit er zur Schule geht bestimmen sie zunehmend seinen Alltag und machen seine freien Bewegungszeiten und Spielräume immer enger. Ja er hat diese Moral sogar schon selbst übernommen und als Stachel im Kopf. Er kämpft nicht mehr nur diesen lästigen, äußeren Kampf gegen die Erwachsenen, sondern diesen stillen, inneren gegen sich selbst. Doch noch ist diese widerborstig schöne Lust in ihm stärker. Sie will befriedigt werden: jetzt und sofort. Gegen alle einsichtige Vernunft in die Notwendigkeit zur Pflicht des disziplinierten Lernens und gegen alle Erwartungen, Ermahnungen und Strafen steht die Verführung zur freien (Will) Kür im Spielen und Toben. Nein, das Wichtigste und Schönste ist für ihn immer noch das Spiel und nicht die Arbeit.

Es sind die Spiele auf dem Schulhof und das Herumtoben in den Pausen; es sind zumeist der Sportunterricht und die lustigen Singspiele bei Frau K., was die Schule so schön oder wenigstens erträglich macht. Und es sind die Stunden am Nachmittag beim Rollschuh- oder Skateboardfahren auf der Straße, beim Kicken auf dem Bolzplatz, beim Matschen in den «Matschbergen» und den Versteckspielen im Hereinbrechen der Dunkelheit . . . Dieses Draußen-Sich-Bewegen, Spielen und Toben ist für ihn das Wichtigste oder wenigstens fast. Denn da ist noch diese verführerische Lust am Fernsehgucken, die ihn in innere Widersprüche und äußere Konflikte bringt. So wie das freie-selbstbestimmte Spielen ist ihm auch das freie-selbstbestimmte Fernsehen untersagt. Beides kommt ihm zu kurz. Und er gibt die ihm zugewiesene Schuld und den Widerspruch an seine Eltern zurück: Sitzt er voller Unruhe beim Essen oder Schulaufgabenmachen, dann soll er still bzw. konzentriert sein; sitzt er aber voller Aufmerksamkeit vor dem Fernseher, dann sagen sie, er solle sich bewegen und weniger vor der Glotze sitzen ...

«Matz beeil dich - es ist Zeit zu gehen!» Sein Schulalltag beginnt. Und so macht er sich denn auf den Weg zur Schule um dort zu sitzen und zu lernen, aber auch um zu träumen: vom Fliegen, vom Toben in der Pause und ein bisschen auch vom Sportunterricht ... Denn die Gedanken sind frei. Und wer könnte ihn erwischen, wenn er interessiert guckend 'fremdgeht'-dorthin wo er sich heimisch fühlt: in seine bewegte Welt des Spielens und Tobens.

Quelle: Horst Ehni: Der kleine Matz, in: Die Grundschulzeitschrift 4 (1990) 36, 2 f.

 

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