Mehr Bewegung in die Schule - Anregungen für eine Bewegte Schulkultur

 

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Zum Bewegungsverständnis in einer Bewegten Schule (Rüdiger Klupsch-Sahlmann)

Auf einer Ausbildungsveranstaltung für angehende Lehrerinnen und Lehrer konnte ich an einem Workshop teilnehmen, der sich mit der Edu-Kinestetik beschäftigte. Über Entwicklungsstörungen von Kindern wurde dort berichtet, über die mangelnde Fähigkeit, sich zu konzentrieren, über Lernblockaden und die Möglichkeiten ihrer Überwindung. Zusammengefasst: Edu-Kinestetik „sieht das Lehren und Lernen aus einer neuen Perspektive. Die Kinesologie ist eine Wissenschaft, die sich mit den Muskeln befasst und lehrt, wie man Muskeln testet und ausbalanciert, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Angewandte Kinesologie bedeutet, dass wir Informationen, die uns die Muskeln über Geist und Körper liefern können, in unsere Arbeit integrie­ren und diese dadurch erleichtern“ (Dennison 1994, 22).

Skeptisch, aber offen für neue Ideen war ich auf die praktischen Beispiele gespannt, die den Kindern und Jugendlichen in unseren Schulen das Lernen erleichtern, Denkblockaden aufheben und für bessere Lernbereitschaft und -fähigkeit sorgen sollten. Aufgestellt in einen großen Kreis sollten wir alle im Rhythmus der Musik Überkreuzbewegungen durchführen, die linke Hand an das rechte Knie, dann die rechte Hand an das linke Knie und immer wieder von neuem, später dann die linke Hand an die rechte Ferse, dann die rechte Hand an die linke Ferse und das wiederum mehrere Male. Dazu hörten wir die Musik ‘Anne Kaffeekanne’ und ich hörte den Text von dem Mädchen, das so gern mit ihrem Besenstiel davonflog:

Dann flog sie, oh pardon - auf dem Besenstiel davon

geradeaus übers Haus - dreimal rum und hoch hinaus.

Es mag sein, dass die Kinder über diese Form der Bewegung anschließend aufmerksamer dem Unterricht folgen können, aber ich versetzte mich in dieser Situation in meinen Sohn, von dem ich mir ganz sicher bin, dass er beim Hören des Textes nicht mit der linken Hand sein rechtes Knie berühren wollte, sondern sich in seiner Vorstellung auf einen Stiel schwingen wollte, um hochzusteigen in die Luft, über das Haus zu kreisen und dorthin zu fliegen, worauf er gerade Lust hätte.

Auf die Schwierigkeiten heutiger Kinder, in der Schule richtig lernen zu können, sind viele neue Ansätze bezogen, die das Lernen in der Schule erleichtern und zugleich das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen positiv beeinflussen wollen. (vgl. auch Heitkämper 1995: Mehr Lust auf Schule. Handbuch für innovativen und gehirngerechten Un­terricht). Neben der Edu-Kinestetik ist dabei insbesondere das Konzept des NLP (Neurolinguistisches Programmieren) zu nennen. Für die Vertreter des NLP ist eine gute Kommunikation die Essenz eines besseren Unterrichts. Um diese zu erhalten, ist die „Entwicklung eines physiologischen Zustandes erforderlich, der ein Höchstmaß an Kommunikation erlaubt“ (Cleveland 1992, 11). Wenngleich beide Ansätze interessierten Lehrkräften viele hilfreiche Informationen geben, wie sie das Lernen von Kindern und Jugendlichen erleichtern können, bleibt doch der Stellenwert der Bewegung äußerst fragwürdig. Bewegung hat im Zusammenhang mit den genannten Theorien im Wesentlichen eine rein funktionale Bedeutung. Durch Bewegung wird die kognitive Leistungsfähigkeit der Kinder wieder in hohem Maße hergestellt und damit effektives Lernen gesichert.

Das hier vertretene Bewegungsverständnis und die Bedeutung von Bewegung für das Lernen ist allerdings ein anderes. Es nimmt das menschliche Sich-Bewegen in das Blickfeld ihrer Betrachtungen. Bezogen auf Gordijn führt Tamboer aus, dass nur die Betrachtung des sich bewegenden Kindes, nicht aber die isolierte Betrachtung der Bewegung des Kindes auch pädagogisch-didaktische Folgen haben kann. Die 'Bewegung' nur isoliert zum Forschungsgegenstand zu machen, ist aus der pädagogischen Perspektive eine unzulässige Reduzierung. Eine pädagogische Perspektive erschließt sich erst durch das persönlich-situative Sich-Bewegen, durch den der Mensch-Welt-Bezug gestiftet wird. Denn: Sich-Bewegen ist Welt verstehen in Aktion (vgl. die Darstellung des 'dialogischen Bewegungskonzepts' nach C.C.F. Gordijn bei Trebels 1992, 22 ff.).

Cleveland, B.: Das Lernen lehren. Erfolgreiche NLP-Unterrichtstechniken, Freiburg i. B. 1992

Dennison, P.: Befreite Bahnen, Freiburg i. B. 1994

Heitkämper, P. (Hg.): Mehr Lust auf Schule. Hand­buch für innovativen und gehirngerechten Unterricht, Paderborn 1995

Trebels, A.:  Das dialogische Bewegungskonzept. Eine pädagogische Auslegung von Bewegung, in: Sportunterricht 41 (1992) 1, 20 - 29

Quelle: Rüdiger Klupsch-Sahlmann: unveröffentlichtes Manuskript

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