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Heidi und das Lesen-Lernen (Johanna Spyri)

Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom Lesenlernen hörte.

„Doch, doch, Heidi, natürlich mußt du lesen lernen, alle Menschen müssen, und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals böse, und erklärt dir dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas erklärt, dann versteht du nicht davon; dann mußt du nur warten und gar nichts sagen, sonst erklärt er dir noch viel mehr und du versteht es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du etwas gelernt hast, und es weißt, dann versteht du schon, was er gemeint hat.“ ...

... Heidi wurde von Fräulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu bleiben, bis der Herr Kandidat kommen würde, um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: „Wie kann man hinaussehen hier und ganz hinunter auf den Boden?“

„Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus“, antwortete Klara belustigt.

„Man kann diese Fenster nicht aufmachen“, versetzte Heidi traurig.

„Doch, doch“, versicherte Klara, „nur du noch nicht, und ich kann dir auch nicht helfen! Aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht er dir schon eines auf.“

Das war eine große Erleichterung für Heidi, zu wissen, dass man doch die Fenster öffnen und hinausschauen könne, denn noch war es ganz unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing an, Heidi zu fragen, wie es beim ihm zuhause sei, und Heidi erzählte mit Freuden von der Alm und den Geißen und der Weide und allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fräulein Rottenmeier führte ihn nicht, wie gewöhnlich ins Studierzimmer, denn sie mußte sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins Eßzimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in großer Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie in diese hineingekommen war.

Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe längst gewünscht, es möchte eine Gespielin für sie ins Haus aufgenommen werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den Unterrichtsstunden ein Sporn, in der übrigen Zeit eine anregende Gesellschaft für Klara sein würde. Eigentlich war die Sache für Fräulein Rottenmeier selbst sehr wünschbar, denn sie wollte gern, dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme, wenn es ihr zu viel war, was öfters geschah. Herr Sesemann hatte geantwortet, er erfülle gern den Wunsch seiner Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in allem ganz gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderquälerei in seinem Hause - „was freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war“, setzte Fräulein Rottenmeier hinzu, „denn wer wollte Kinder quälen!“ Nun aber erzählte sie weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und führte alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an, die es bis jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn Kandidaten buchstäblich beim Abc anfangen müsse, sondern dass auch sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu beginnen hätte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur ein Rettungsmittel: wenn der Herr Kandidat erklären werde, zwei so verschiedene Wesen könnten nicht miteinander unterrichtet werden, ohne großen Schaden des vorgerückteren Teils; das wäre für Herrn Sesemann ein triftiger Grund, die Sache rückgängig zu machen, und so würde er zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin zurückgeschickt würde, woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung aber dürfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass das Kind angekommen sei. Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals einseitig im Urteilen. Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurück sei, so möchte sie auf der anderen um so geförderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald ins Gleichgewicht kommen werde. Als Fräulein Rottenmeier sah, dass der Herr Kandidat sie nicht unterstützen, sondern sein Abc-Unterricht übernehmen wollte, machte sie ihm die Tür zum Studierzimmer auf, und nachdem er hereingetreten war, schloß sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor dem Abc hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu überlegen, wie die Dienstboten Adelheid zu benennen hätten. Herr Sesemann hatte ja geschrieben, sie müßte wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort mußte sich hauptsächlich auf das Verhältnis zu den Dienstboten beziehen, dachte Fräulein Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange ungestört überlegen, denn auf einmal ertönte drinnen im Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstände und dann ein Hilferuf nach Sebastian. Sie stürzte hinein. Da lag auf dem Boden alles übereinander, die sämtlichen Studien-Hilfsmittel, Bücher, Hefte, Tintenfaß und obendarauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbächlein hervorfloß, die ganze Stube entlang. Heidi war verschwunden.

„Da haben wir’s!“ rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus. „Teppich, Bücher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! Das ist noch nie geschehen! Das ist das Unglückswesen, da ist kein Zweifel!“

Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die Verwüstung, die allerdings nur eine Seite hatte und recht bestürzende. Klara hingegen verfolgte mit vergnügtem Gesicht die ungewöhnlichen Ereignisse und deren Wirkung und sagte nun erklärend: „Ja, Heidi hat’s gemacht, aber nicht mit Absicht, es muß gewiß nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig, fortzukommen und riß den Teppich mit und so fiel alles hintereinander auf den Boden. Es führen viele Wagen hintereinander vorbei, darum ist es so fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen.“

„Da, ist’s nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht einen Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhören und stillzusitzen hat. Aber wo ist das unheilbringende Ding hin? Wenn es fortgelaufen wäre! Was würde mir Herr Sesemann“ ...

Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter der geöffneten Haustür, stand Heidi und guckte ganz verblüfft die Straße auf und ab.

„Was ist denn? Was fällt dir denn ein? Wie kannst du so davonlaufen!“ fuhr Fräulein Rottenmeier das Kind an.

„Ich habe die Tannen rauschen gehört, aber ich weiß nicht, wo sie stehen, und höre sie nicht mehr“, antwortete Heidi und schaute enttäuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war, das in Heidis Ohren dem Tosen des Föhns in den Tannen ähnlich geklungen hatte, so dass es in höchster Freude dem Ton nachgerannt war.

„Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das für Einfälle! Komm herauf und sieh, was du angerichtet hast!“ Damit stieg Fräulein Rottenmeier wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun sehr verwundert vor der großen Verheerung, denn es hatte nicht gemerkt, was es alles mitriß, vor Freude und Eile, die Tannen zu hören.

„Das hast du ein Mal getan, ein zweites Mal tust du’s nicht wieder“, sagte Fräulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; „zum Lernen sitzt man still auf seinem Sessel und gibt acht. Kannst du das nicht selbst fertigbringen, so muß ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst du das verstehen?“

„Ja“, entgegnete Heidi, „aber ich will schon festsitzen“. Denn jetzt hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer Unterrichtsstunde stillzusitzen.

Jetzt mußten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der weitere Unterricht mußte nun aufgegeben werden. Zum Gähnen war heute gar keine Zeit gewesen.

Quelle: Johanna Spyri: Heidis Lehr- und Wanderjahre: Diogenes: Zürich 1978, 110, 118-123

 

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